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Gastbeitrag: Obstacle Course Racing – Erst das Leiden dann der Stolz

Die Sonne scheint gnadenlos auf mich herunter während ich mit trockener Kehle den letzten Kilometer in Angriff nehme. Seit etwas mehr als vier Stunden befinde ich mich auf der Strecke und habe bereits 23 Kilometer und über 1500 Höhenmeter in den Beinen. Meine linke Wade krampft bei jedem unvorsichtigen Schritt und der rechte Oberschenkel zuckt unkontrolliert, nachdem ich ihn auf einer Holzwand gequetscht habe. Meine Arme hängen müde herunter. Längst kann man nicht mehr von einem runden Laufstil mit Armunterstützung sprechen, eher von einem „Dahingestapfe mit Überlebensabsicht“.

Die Veranstalter des Hindernislaufes (engl. Obstacle Course Races, kurz „OCR“) haben uns nicht geschont. Sie haben auf die Beast-Distanz (Langdistanz) alles aus ihrem Hindernisarsenal ausgepackt und uns als Herausforderung vor die Nase gestellt. Knallharte Anstiege und steile Downhillpassagen haben meine Muskeln zum Zerreißen angespannt und ich muss vorsichtig sein um die letzten Meter noch erfolgreich zu bewältigen. Ein kalter Gebirgssee zum Durchschwimmen war der Anfang meiner Krämpfe in der linken Wade. Das Schleppen des 25 Kilo schweren Sandsackes über 100 Höhenmeter den Berg hinauf und eine rutschige und extrem steile Passage wieder hinunter haben meine Oberschenkel fest wie Stein werden lassen und dann waren da noch die anderen Hindernisse.

Ein rutschiges Seil zum Hochziehen, viele Holzwände mit bis zu 2,70 Metern Höhe, Hangelhindernisse, zweimal Speerwurf und die 30 Strafburpees aufgrund einer Penalty wegen eines nicht getroffenen Strohsacks, zweimal das lange Kriechen unter gespanntem Stacheldrahtgeflecht, einmal davon bergauf. Diese Aufzählung ist nur beispielhaft und nicht vollständig, und weitere 5 Hindernisse warten noch ganz zum Schluss auf dem Festivalgelände auf mich und beschäftigen meine geschundene mentale Stärke dauerhaft.

Ich bin bereits jetzt stolz auf mich, denn ich habe meinen inneren Schweinehund in der Vorbereitung nach einem OCR Trainingsplan eingehalten. Gefühlt hatte ich bereits vor dem Start gewonnen. Ich habe über fünf Kilo abgenommen, mein Shape ist viel muskulöser geworden und ich habe bemerkt, dass ich viel seltener außer Atem komme im Alltag. Ich bin fitter und gesünder geworden. Und nun fehlen nur noch wenige Meter um mein großes Ziel zu erfüllen, das Finish meines ersten Spartan Beast und die wunderschöne, in grün gehaltene Medaille in Empfang nehmen zu dürfen.

Wie in einem Tagtraum laufe ich weiter, ziehe einen Sandsack nach oben, bewältige ein Hangel-Rig mit Ringen, Seilen und Stangen, werfe noch einmal den Speer und muss unter einem weiteren Stacheldraht durch den Schlamm, ein hohes Cargo-Netz überwinden und setze zum Sprung über das Feuer, kurz vor dem Ziel an.

Trotz einsetzender Krämpfe in beiden Beinen, laufe ich die letzten Meter ins Ziel, bekomme meine Medaille umgehängt und sinke glücklich zu Boden um meine Krämpfe in beiden Waden zu dehnen. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt!

Obstacle Course Racing – Eine Sportart erobert die Welt

Vor über 30 Jahren hatte einer der bekanntesten Engländer, ein ehemaliger Soldat des englischen Militärs die Idee auf seinem privaten, landwirtschaftlich genutzten Gelände einen Hindernislauf unter dem Namen „Tough Guy“ zu veranstalten. Auf einer Laufstrecke von ca. 15 Kilometer wurden riesige Hindernisse aufgestellt, Tunnel für die Läufer gegraben und mit allerlei Überraschungen versehen, und riesige Schlammlöcher ausgehoben und mit Schlamm gefüllt.

Damit es für die Athleten nicht zu einfach wird, wurde die Veranstaltung auf das erste Februarwochenende gelegt. Dies hatte den Effekt, dass es bitter kalt für die Läufer war und die ersten Läufer sich erst durch das Eis auf den Wasser- und Schlammlöchern fräsen mussten und sich dabei oft schnitten und bitterlich frieren mussten. Doch der Tough Guy erlangte bereits nach wenigen Rennen Kultcharakter in der noch kleinen OCR Community.

Auch ich startete im Februar 2017 um die Freuden des Tough Guy zu genießen und es war mir eine Ehre, mich persönlich mit dem Gründer „Mr. Mouse“ unterhalten zu dürfen.

Was in Wolverhampton den Anfang nahm, breitete sich auf der ganzen Welt durch. Hindernisläufe gibt es mittlerweile fast überall auf der Welt und die Veranstalter legen eine unglaubliche Kreativität hinsichtlich neuer Hindernisse, Streckenführungen und Penalty-Regeln an den Tag. Die Sportart ist erwachsen geworden, denn mittlerweile existieren OCR Vereine und weltweite Verbände die Europa- und Weltmeisterschaften durchführen und für eine laufende Verbesserung der Sportart sorgen.

Trotzdem hat Obstacle Course Racing seinen ursprünglichen Charme nicht verloren und gehört seit Jahren zu den Sportarten mit dem höchsten Beliebtheitswachstum weltweit.

In unserer dreiteiligen „OCR Serie“ auf diesem Blog möchte ich euch den Reiz dieser Sportart vorstellen, aber auch wie ihr dafür trainieren könnt und wie ihr eure mentalen Fähigkeiten stärkt.

Ich freue mich, wenn ihr meine Artikel gerne lest, aber noch mehr freue ich mich, wenn ich euch mit dem OCR Fieber anstecken kann, denn ich weiß, dass ihr es nicht bereuen werdet.

Euer Uwe


Über den Autor

Uwe Kauntz

Lieber Willens-Kraft-Leser,

als Erstes möchte ich mich bei Dir bedanken, dass Du den OCR-Artikel gelesen hast. Danke auch an das Willens-Kraft-Team, dass ich meine große Leidenschaft OCR vorstellen durfte. Als leidenschaftlicher OCR Athlet bin ich dankbar für über 100 verletzungsfreie Starts in dieser wundervollen Sportart. Als Athletik- und Sportmentaltrainer bin ich dankbar, dass ich viele Menschen mit diesem gesunden „Sport-Virus“ infizieren konnte. Ich hoffe, dass der Artikel kurzweilig war und ihr euch schon auf die nächsten Beiden freut.

Wenn Du noch Fragen hast, dann stehe ich Dir sehr gerne jederzeit zur Verfügung.

Sportliche Grüße,

Uwe von www.rockyourgoal.de

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